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Perspektiven ostdeutscher Sammlungen. Die Sammlungsgeschichte der KNK-Einrichtungen und ihre Konsequenzen für gegenwärtige und zukünftige Sammlungsstrukturen und Ausstellungsprofile

Die Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen (KNK) hat im Sommer 2017 das modulare Projekt "Perspektiven ostdeutscher Sammlungen", gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), gestartet. Ziel ist es, den besonderen Quellenwert und Reichtum der ostdeutschen Kulturerbeeinrichtungen – insbesondere der Museen und Sammlungen – herauszuheben und in den Fokus des öffentlichen Interesses zu stellen. Dabei werden speziell die zwischen 1945-1989 gewachsenen Sammlungsstrukturen als einzigartige Chance und Alleinstellungsmerkmal im zunehmenden nationalen wie internationalen Wettbewerb um Publika und bei der Suche nach neuen zielgruppenspezifischen Vermittlungsansätzen fokussiert und ihre künftige Nutzbarmachung – nicht zuletzt im Hinblick auf relevante Beiträge zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten – modellhaft herausgearbeitet. Fast 30 Jahre nach dem Mauerfall richtet die KNK den Blick nach vorn und erkundet, wie sich unverkennbare Besonderheiten ihrer Sammlungen, ungewohnte Schwerpunktsetzungen und Sammlungsprofile unter gewandelten gesellschaftlichen und kulturpolitischen Rahmenbedingungen als originärer Beitrag zum gemeinsamen deutschen und europäischen Kulturerbe attraktiv, wertschätzend und auch publikumswirksam erschließen ließen. Jene zwischenzeitlich oft verschämt kaschierten historisch gewachsenen Besonderheiten (und entsprechende Lücken in den Sammlungen) würden damit gerade nicht mehr als Makel aufgefasst, sondern könnten umgekehrt selbstbewusst ins Spiel gebracht werden. Im Kern geht es daher darum, zeitgemä­ße Konzepte und Vorschläge zu entwickeln, wie die aus der Entwicklung Ostdeutschlands während der staatlichen Zweiteilung resultierenden Sammlungsbestände und Sammlungs­profile innovativ und öffentlichkeitswirksam genutzt werden können und wie sie durch Neu­profilierungen ggf. auch gezielt zu entwickeln sind.

 

2017 und 2018 standen die sofortige Sicherung von Quellen mittels Zeitzeugenbefragungen und eine umfangreiche Datenerhebung im Fokus. Alltagspraktiken aus der Museumsarbeit gelten in der Wissenschaft in Bezug auf ihre Weitergabe und Überlieferung als besonders gefährdet, weil sie normalerweise kaum erwähnenswert erscheinen und daher meist nicht dokumentiert werden. Das KNK-Projekt leistete hier wertvolle Abhilfe, indem es noch vorhandene Quellen zu erschließen half und Zeitzeugen befragte. Das Erkenntnisinteresse richtete sich auf ehemalige Sammlungs- und Ausstellungsaktivitäten sowie den Spielraum entscheidungsmächtiger Akteure besonders während der Transformationsprozesse nach der staatlichen Wiedervereinigung. Daneben wurde erfragt, wie mit Zuweisungen, Schenkungen u. Ä. noch in der DDR verfahren, wie sie konkret inventarisiert bzw. offiziell in Verwahrbücher aufgenommen bzw. in sonstiger Weise in die Sammlungen oder Depots integriert wurden. Mit der Zeitzeugenbefragung wurde zugleich auf das als akut wahrgenommene Problem reagiert, dass die jüngere Überlieferungsgeschichte in vielen Museumseinrichtungen oft nur lückenhaft und unzureichend dokumentiert ist.
Im Zuge der Datenerhebung wurden Daten zu sechs übergeordneten Fragenkomplexen erfasst. Diese beinhalten: 1. Daten zur Sammlungsgeschichte in den Häusern vor und nach 1989 und zu den Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Museumsarbeit in der DDR; 2. Informationen zu den aktuell drängendsten Konsequenzen (fehlender) „Aufarbeitung" der Sammlungsgeschichte; 3. Daten zur Thematik des institutionellen Umbaus sowie zum Umgang mit Lücken im Sammlungsbestand, zu modifizierten Sammlungsprofilen, Ausstellungskonzeptionen und Strategien für Sammlungserweiterungen; 4. Erfassung des konkret praktizierten Umgangs mit der eigenen Sammlungsgeschichte in den jeweiligen Häusern (inklusive zuständiger Personalressourcen, vorhandener Dokumentationsrichtlinien, Strategien für eine kontinuierlich gepflegte Überlieferungsgeschichte); 5. Abfrage der Betroffenheit und Erfahrungen im Umgang mit Beständen, die dauerhaft nicht ins Sammlungsprofil oder zum Sammlungsauftrag passen (inklusive der Suche nach Wegen, wie solche Objekte wissenschaftlich erschlossen, öffentlich zugänglich, ggf. getauscht, geliehen u. ä. werden könnten); 6. Daten zum derzeitigen Leihverkehr sowie zur Fortsetzung und Neugestaltung von nationalen und internationalen Kooperationsbeziehungen der KNK-Einrichtungen.

 

Die Auswertung der Datenerhebung hat den mit der Projektkonzeption antizipierten Handlungsbedarf konkretisiert und die Grundlage dafür geschaffen, um aus dem abgefragten Ist-Zustand der KNK-Einrichtungen sowie anhand ermittelter Erfahrungen, Ideen und Konzepte befragter Zeitzeugen und Museumsdirektoren im 2019er Projektmodul nunmehr gezielt die avisierten neuen Strategien und Perspektiven zu entwickeln. Datenerhebung, Befragungen und Expertengespräche haben allerdings auch ergeben, dass das Potenzial und Interesse der KNK-Einrichtungen teils stark variieren: Manche Einrichtung besitzt gar keine eigene Sammlung aus jener Zeit. Anderenorts vorhandene relevante Inventare weisen nach derzeitiger Einschätzung wiederum kaum größere Bedeu­tung hinsichtlich der mit dem jeweiligen Sammlungsauftrag vorgegebenen Zielsetzungen der Einrichtungen auf, sodass kaum die Möglichkeit besteht, sie dezidiert zu fokussieren oder gar explizit auszustellen. Ein erfreulich großer Teil der KNK-Einrichtungen sieht hingegen gerade darin große Chancen, und einige Häuser sind bereits aktiv dabei, an ihre besondere Sammlungsgeschichte 1945-1989 anzuknüpfen und diese zu betonen. Trotz des stark gestiegenen Interesses und Wunsches nach Vergegenwärtigung und Neuinterpretation von in der DDR aufgebauten Sammlungsbeständen haben die KNK-Einrichtungen zugleich nach wie vor mit erheblichen diesbezüglichen Vorbehalten und Ressentiments zu tun, was bei jeglichen zu entwickelnden neuen Strategien zu berücksichtigen ist: Denn sämtliche Einrichtungen stehen unter „Erfolgsdruck", sie müssen hohe Besucherzahlen vorweisen und daher abwägen, welche Risiken sie eingehen können und ggf. aushalten wollen. Verhängnisvoll wirkt etwa noch immer die wissenschaftlich längst widerlegte These des „Bilderstreits" nach, wonach der gesamten Kunst aus der DDR pauschal der Kunstcharakter abgesprochen wurde. Meinungen, mögen sie stimmen oder nicht, prägen das gesellschaftliche Miteinander und Klima jedoch entscheidend mit, und insofern wird es für die KNK-Einrichtungen besonders wichtig sein, dazu beizutragen und darauf hinzuwirken, andere und neue Sichtweisen auf die Sammlungsbestände aus jener Epoche dominant und populär werden zu lassen. Diese Aufgabe, zugleich die Brisanz und gesellschaftliche Relevanz der Thematik, erscheinen nochmals akuter vor dem Hintergrund, dass soziologische Befunde für signifikante ostdeutsche Bevölkerungsteile eine Heimatlosigkeit im eigenen Land sowie starke Fremdheits- und Unterlegenheitsgefühle konstatie­ren. Es ist offensichtlich, dass ostdeutsche Museen, gerade die „Leuchtturmeinrichtungen", hier direkt ansetzen und mit ihren Sammlungen z. B. zusätzliche Orientierungsangebote unterbreiten und Selbstwertgefühl vermitteln könnten. Spätestens hier wird offenkundig, dass dafür nicht allein die Potenziale der Sammlungen aus den Kunstmuseen gefragt und benötigt werden: Alle KNK-Einrichtungen verfügen über eine „DDR-Geschichte" und nahezu alle haben über ihre Ausstellungen in das kollektive Gedächtnis gewirkt. Die Sammlungsgeschichte 1945-1989 – das haben sämtliche Befragungen ehemaliger und gegenwärti­ger Akteure und Fachleute erwiesen – prägt heutige Besuchererwartungen weiterhin vielfach mit, die Einrichtungen samt ihrer Geschichte und (auch ehemaligen) Ausstellungen wirken in hohem Maße identitätsstiftend.

 

Dies ist freilich nur ein Ansatzpunkt. Die KNK ist darüber hinaus davon überzeugt, dass die ostdeutschen Sammlungen noch viel weitergehende Chancen und Potenziale in sich bergen. Mit Sicherheit lassen sich mit den gewachsenen Sammlungsbeständen jener inzwischen historischen Epoche gänzlich andere als nur ostdeutsche Besuchergruppen, insbesondere auch jüngere Besucher bzw. neues Publikum, das die deutsche Teilung gar nicht erlebt hat, des Weiteren aber auch ein internationales Publikum ansprechen. Inhalt des gesamten KNK-Projekts, besonders aber des 2019er Projektmoduls, wird es sein, solche Potenziale und Chancen herauszuarbeiten und Strategien zu entwickeln, wie sich diese konkret realisieren lassen. Dabei soll die inhaltliche Vielgestaltigkeit der KNK-Einrichtungen gewinnbringend zur Geltung kommen.

 

Kontakt: Dr. Steffen Schmidt (schmidt@konferenz-kultur.de)