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SiLK - Sicherheitsleitfaden Kulturgut

5. Vandalismus

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Der Begriff „Vandalismus“ leitet sich ab von den „Wandalen“, einem germanischen Volk, dem im 5. Jahrhundert im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen erhebliche Plünderungen und Zerstörungen – insbesondere von Kunstwerken – nachgesagt werden. Während sich der Begriff im 19. Jahrhundert auf Beschädigung oder Zerstörung von Kulturgut bezog, umschreibt er heute eine allgemeine anonyme Sachbeschädigung vornehmlich im öffentlichen Raum.

Warum wird Kulturgut zerstört oder beschädigt?
Nachfolgende Erklärungen bilden den Versuch einer Gliederung von Motiven, Ursachen und Anlässen:

1. Blinde Zerstörungswut
Den Schwerpunkt von Vandalismus bildet die Lust an reiner Zerstörung aus einer aggressiven Grundstimmung heraus, als Imponiergehabe oder „Mutprobe“, als falsch verstandene „Selbstbestätigung“ oder „Feindersatz“. Dieses Phänomen macht auch vor Kunst- und Kulturgut nicht Halt: Insbesondere Skulpturen oder künstlerische Installationen im öffentlichen Raum, historische Gebäude und Denkmale sind hiervon betroffen. Objekte der modernen Kunst  werden dabei häufig – zur eigenen vermeintlichen Rechfertigung – aus einer Position der Ablehnung heraus, aus Un- oder Missverständnis als hässlich, provokant oder sinnlos beurteilt und angegriffen. 

Innerhalb von Museen und Ausstellungen können vorsätzliche Beschädigungen insbesondere durch Kinder und Jugendliche oder Personen auftreten, die sich aus Verärgerung, unter Alkoholeinfluss oder aus Gedanken- und Interessenlosigkeit zum Handeln leiten lassen.

Andere Ursachen der Beschädigung oder Zerstörung von Exponaten, wie das Umstoßen von Skulpturen in Folge von Unachtsamkeit oder „Rempeleien“ zwischen Jugendlichen, das unerlaubte Berühren von Objekten oder Setzen auf Tische und Stühle stellen keine Vandalismushandlungen dar, da hierbei in der Regel kein Vorsatz zur Zerstörung oder Beschädigung vorliegt (vgl. Kapitel Abnutzung). Ein fließender Übergang besteht dann, wenn als Mutprobe, aus Spaß oder Angeberei  Beschädigungen oder Zerstörungen von Exponaten billigend in Kauf genommen werden, z.B. durch Missbrauch vorhandener Feuerlösch-einrichtungen, vorsätzliches Stoßen anderer Personen oder durch ähnliche Handlungen.

Eine besondere Schwierigkeit besteht im Schutz von Büchern und Archivalien vor Beschädigungen und Zerstörungen solange diese nicht durch (elektronische) Kopien für die Nutzung ersetzt wurden. Es ist in der Regel selbstverständlich, dass Bücher, Stiche, Drucke etc. zur näheren Betrachtung in Lesesälen an Benutzer ausgehändigt und von diesen „in die Hand genommen“ werden können. In Archiven und Bibliotheken wirkt die Präsenz einer Lesesaal-Aufsicht und / oder eine Videoüberwachung nicht nur abschreckend und vorbeugend gegen mögliche Diebstahlshandlungen sondern schützt auch vor Vandalismus in Form von Herausreißen, Beschmieren oder Bekritzeln von Buchseiten.

Im Zusammenhang mit Krawallen und Randalen im Rahmen öffentlicher Kundgebungen, Musik- oder Sportveranstaltungen kann es ebenfalls zu Beschädigung und Zerstörung kommen. Wenn der ursprüngliche Anlass für eine Demonstration oder Veranstaltung in den Hintergrund tritt und radikalisierte Teilnehmer unterschiedslos Angriffe gegen Objekte und Einrichtungen führen, können auch Kunstwerke oder denkmalgeschützte Gebäude direkt oder indirekt mit betroffen sein, ohne dass ein bewusster Vorsatz hierzu besteht (vgl. Kapitel Gewalttaten). In diesem Moment richtet sich der Vorsatz radikalisierter Teilnehmer auf die Zerstörung „an sich“ – womit sich der Kreis um den Begriff „Vandalismus“ schließt: Blinde Zerstörungswut kann sich auch gegen Kunst richten.

2. Bewusstseinseinschränkende Faktoren
Neurosen und Depressionen, Drogenkonsum und Wahnvorstellungen können Menschen dazu bringen, sinnlose, hinsichtlich Motivation und Hintergrund nicht nachvollziehbare Zerstörungshandlungen an Kunst- und Kulturgut zu begehen. Auch wenn es den Anschein haben kann, dass die Täter in vollstem Bewusstsein agieren – die Handlungen sind Ausdruck krankhafter Phänomene oder wurden durch die Einnahme von Drogen ausgelöst bzw. unterstützt. Prägnante Beispiele hierfür sind u.a. die Attacken auf das Leonardo-da-Vinci-Gemälde „Mona Lisa“ 1956 (Säureanschlag, Steinwurf) oder die wiederholten massiven Beschädigungen von mehr als 50 Kunstwerken in den 1970er und 1980er Jahren durch einen geisteskranken Mann aus Hamburg (u.a. Werke von Paul Klee, Rembrandt und Albrecht Dürer, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13529533.html).

Obwohl nicht selten Vandalismushandlungen unter Alkoholeinfluss begangen werden und Alkohol in diesem Zusammenhang gleichermaßen als eine „bewusstseinsbeeinflussende Droge“ wirkt, steht er nicht im Mittelpunkt des hier behandelten Ursachenbildes. Das Rauschmittel Alkohol kann bei bestimmten neurologischen Krankheitsbildern verstärkend wirken – primär ist er jedoch in vielfältigster und unterschiedlichster Weise als auslösender Faktor wirksam – insbesondere bei Handlungen aus blinder Zerstörungswut.

3. Politische und religiöse Motive
Politik und Religion stellen seit der Antike bis heute wichtige Triebkräfte für die bewusste und gezielte Vernichtung und Beschädigung von Kunst dar. In jedem Krieg – ob politisch oder religiös motiviert – wurden Heiligtümer, Sinnbilder und Symbole der Kultur eines besiegten Volkes vernichtet, zerstört oder geraubt. Aktuelle Beispiele sind die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban in Afghanistan 2001 oder die massenhafte Zerstörung kultureller Zeugnisse ethnischer Minderheiten während der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre.  

In Deutschland können in Verbindung mit bestimmten Objekten politisch oder religiös motivierte Probleme entstehen. So fühlte sich 2008 ein Ausstellungsbesucher in Berlin provoziert: Bei der Eröffnung der Berliner Dependance von Madame Tussauds riss er der ausgestellten Hitlerfigur den Kopf ab. Auch unterschiedliche Moralvorstellungen können Vandalismus hervorrufen, z.B. gegen die Darstellung einer nackten Frau.

4. Vertuschung von Straftaten
Im Zusammenhang mit Einbruch und Diebstahl sind nicht selten bewusste Zerstörungen des Tatumfeldes bis hin zur vorsätzlichen Brandlegung zu beobachten, entweder um die eigentliche Tat zu verschleiern oder Täterspuren zu vernichten.
Das Schadensausmaß der Folgeschäden durch Vandalismus ist hierbei häufig wesentlich höher als das des eigentlichen Diebstahls. Eine bewusste Zerstörung und Vernichtung künstlerischer und kulturhistorischer Werte wird in Kauf genommen. Vandalismus entsteht als Folge einer anderen Straftat und hängt mit dieser untrennbar zusammen. Geeignete und angemessene Schutzmaßnahmen gegen die eigentliche kriminelle Tat verhindern die Folgehandlungen bzw. minimieren zumindest die möglichen Folgeschäden.

5. Ökonomische Motive
Eine Sonderform des Vandalismus nehmen Diebstähle ein, die gleichzeitig mit der absichtlichen Zerstörung und Vernichtung des Kulturgutes einhergehen, um aus dem Material einen ökonomischen Gewinn zu erzielen. Hiervon sind insbesondere Kunstwerke und Denkmale aus Buntmetall betroffen. Beispiele hierfür sind die Entwendung von Gräbertafeln und Leuchtern am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Schönholz 2008 bis 2009 oder der Büste von Alfred Döblin in Berlin-Mitte 2010. Es muss davon ausgegangen werden, dass diese Gegenstände vernichtet (eingeschmolzen) wurden.

Kommerzielle Interessen stehen auch bei Diebstählen von Kunstwerken im Vordergrund, die durch Herausschneiden der Leinwand aus dem Rahmen, Abbrechen von Schnitzereien, Skulpturen, Altarflügeln etc. oder sonstige Formen brutaler und zerstörerischer Handlungen begangen werden. Das Kunstwerk wird zwar nicht, wie beim Einschmelzen, vollständig vernichtet, jedoch in einem so erheblichen Maße geschädigt, dass in der Regel irreparable Schäden entstehen und von einem Akt des Vandalismus gesprochen werden muss. Es besteht ein fließender und enger Zusammenhang mit dem Sachverhalt des Einbruchs / Diebstahls (siehe Kapitel Diebstahl).

Präventivmaßnahmen
Vorkommnisse mit Vandalismushintergrund von außen oder im Außenbereich sind vorrangig durch Rowdytum geprägt und auf Grund der häufig aufwändigen, komplizierten und nur unzureichenden Möglichkeiten für Vorbeugungs- und Überwachungsmaßnahmen bzw. raschen Fluchtmöglichkeiten der Täter nur schwer zu verhindern. Im Gebäudeinneren bieten sich hingegen günstigere Voraussetzungen für die Umsetzung von Schutzkonzepten.

Präventive technische Maßnahmen gegen Vandalismus ordnen sich vielfach in den vorbeugenden Schutz gegen Einbruch, Diebstahl oder Brand ein oder sind mit diesen identisch. Spezielle, nur auf die Abwehr vandalistischer Handlungen ausgerichtete Vorbeugungs-maßnahmen sind eher selten. So dienen einbruchhemmende Fenster und Türen, durchwurfhemmende Verglasungen oder eine ausreichende Beleuchtung außer dem Einbruchschutz auch der Vorbeugung vandalistischer Angriffe. Durch eine zuverlässig funktionierende Einbruchmeldeanlage kann neben der abschreckenden Wirkung gegen Einbrüche auch eine frühzeitige Alarmierung und das Eingreifen der Polizei oder anderer Hilfe leistender Kräfte erreicht werden, so dass es gar nicht erst zu den beschriebenen vandalistischen Folgehandlungen kommen kann.

Absperrungen innerhalb der Ausstellungsräume als Schutz vor Beschädigung oder Wegnahme in Verbindung mit optischer bzw. akustischer Signalisierung und dem Einsatz von Aufsichtspersonal können ebenso präventiv vor Diebstahl wie vor Vandalismus schützen. Eine automatische Brandmeldeanlage wird im Fall einer vorsätzlichen, vandalismusgeprägten Brandstiftung eine frühzeitige Alarmierung und Einleitung der Brandbekämpfung durch die Feuerwehr auslösen.

Eine weitere wichtige Präventivmaßnahme bildet die Prüfung und Bewertung der jeweiligen Ausstellung, ihres gesamten Inhaltes, einzelner Themen oder spezieller Exponate auf mögliche Anlässe oder Motive für Vandalismus. Zu prüfen ist, ob sich politische, religiöse, sexuelle oder persönliche Motive, wie Hass, Verehrung, Fetischismus usw. aus der Ausstellung oder der Einrichtung insgesamt ableiten lassen, die unter Umständen Vandalismus provozieren könnten. Wird ein solcher Ansatz nicht ausgeschlossen, ist zu entscheiden, ob zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen oder der Verzicht auf bestimmte Ausstellungsobjekte zweckdienlicher sind.

Organisatorische Maßnahmen zur Vorbeugung bilden den dritten Teil eines Präventions-konzeptes. Dazu gehören vor allem die Schulung und Motivation der Mitarbeiter zum Erkennen von Anzeichen möglicher Vandalismushandlungen, zum richtigen und angemessenen Reagieren gegenüber Tätern und Besuchern sowie die Sicherstellung und Dokumentation eines beschädigten Objektes. Einen wichtigen Punkt zur Vorbeugung bildet die Zusammenarbeit und Abstimmung mit der Polizei und / oder privaten Sicherheitsunternehmen bzw. Sicherheits-beratern, da technische und organisatorische Lösungen alleine nur schwer zu finden und umzusetzen sind. 

Einen absoluten Schutz vor zerstörerischen Angriffen wird es – wie bei anderen Gefahren auch – nicht geben können. Dazu sind die Unberechenbarkeiten zu groß, die von Vandalismus-handlungen ausgehen. Grundsätzlich sollte daher immer individuell geprüft werden, ob und welche Gefahren vorliegen und in welcher Weise vorbeugende Maßnahmen sinnvoll und nutzbringend umsetzbar sind.

                                                                                                                                     


Prüfliste (Präventivmaßnahmen)

  • Machen Sie sich bewusst, welche Objekte Vandalismus provozieren könnten!
  • Achten Sie auf religiöse und politische Probleme!
  • Mit dem Kauf einer Karte erklärt sich der Besucher mit den Bedingungen des Museums einverstanden; machen Sie Ihre Bedingungen klar und hängen Sie sie sichtbar aus!
  • Beobachten Sie einzelne Besucher und Gruppen, um deren Verhalten zu erkennen!
  • Erziehen Sie Ihre Besucher: Erklären Sie, warum sie keine Objekte berühren sollen!
  • Weisen Sie Lehrer ein und machen Sie die Lehrer auch verantwortlich!
  • Begleiten Sie Gruppen erforderlichenfalls mit zwei Personen, von denen eine hinter der Gruppe bleibt!
  • Taschen sollten in der Garderobe bleiben.
  • Schaffen Sie eine physikalische oder visuelle Distanz oder Barriere zwischen Objekt und Besucher (Seil, Glas o.ä.)!
  • Sichern Sie kleine Objekte!
  • Legen oder stellen Sie zerbrechliche, seltene und kleine Objekte in einen Schaukasten, erforderlichenfalls unter Sicherheitsglas!
  • Prüfen Sie täglich den Zustand der Objekte!
  • Halten Sie zur Vermeidung von Graffiti das Umfeld des Gebäudes und der Objekte sauber!
  • Halten Sie die Umgebung vom Gebäude aufgeräumt, um Brandstiftung zu vermeiden!
  • Beleuchten Sie den Bereich nachts!
  • Schulen Sie Ihr Wachpersonal im Erkennen verdächtigen Verhaltens!
  • Schulen Sie Ihr Wachpersonal im richtigen Reagieren auf Vandalismus (Maßnahmen gegen den Täter und für die Errettung des Objekts)!
  • Installieren Sie eine Videoüberwachungsanlage, falls möglich, und sichern Sie die Folgemaßnahmen!
  • Installieren Sie, soweit möglich, eine Alarmanlage an den Objekten oder Schaukästen und sichern Sie die Folgemaßnahmen!
  • Erstellen Sie eine Liste der Telefonnummern externer Konservatoren und halten Sie diese griffbereit!
  • Führen Sie ein Ereignisverzeichnis und analysieren Sie die Vorfälle!


Zu ergreifende Maßnahmen (während eines Vorfalls)

  • Alarmieren Sie den Leiter der Sicherheit entsprechend den Vorschriften!
  • Alarmieren Sie den Leiter der Sammlungen oder den Konservator, der zu entscheiden hat, was mit dem Objekt zu tun ist!
  • Falls ein Objekt mit einer Substanz besprüht wurde, stellen Sie möglichst den Behälter sicher, um die Art der Substanz festzustellen!
  • Halten Sie die Besucher fern!
  • Wenn möglich, veranlassen Sie die Besucher, den Raum zu verlassen!
  • Bleiben Sie bei dem beschädigten Objekt!
  • Falls eine chemische Substanz verwendet wurde, ergreifen Sie Vorsichtsmaßnahmen für Ihre eigene Sicherheit!
  • Berühren Sie das Objekt nicht, wenn dies weiteren Schaden verursachen könnte!
  • Beseitigen Sie keine Spuren, die für die Polizei von Nutzen sein könnten!
  • Falls sich der Täter immer noch im Museum befinden sollte, vermeiden Sie jede Eskalation und bleiben Sie ruhig!
  • Vermeiden Sie jedes Risiko; die Menschen und die Objekte sind wichtiger, als den Täter festzunehmen!
  • Falls Sie den Täter festnehmen können, lassen Sie zwei Personen bei ihm!
  • Rufen Sie die Polizei!
  • Melden Sie die Attacke!
  • Fotografieren Sie das beschädigte Objekt und das Umfeld!
  • Fertigen Sie eine detaillierte Beschreibung des Vorfalls für Ihre Akten an und verwenden Sie diese bei der nächsten Risikoanalyse!
  • Falls die Presse eingeschaltet ist, sollte nur der Direktor oder der Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit Sprecher entsprechend den Vorschriften sein!


Listen von Hanna Pennock aus: KNK (Hrsg.): Sicherheit und Katastrophenschutz für Museen, Archive und Bibliotheken, Tagungsband, Dresden 2007, S. 83.

                                                                                                                                   Lutz Henske 

 

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