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SiLK - SicherheitsLeitfaden Kulturgut

3. Flut

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I. Einführung

Durch Hochwasser hervorgerufene Überschwemmungen stellen eine ernstzunehmende Bedrohung für Kulturgüter dar. Dabei sind nicht nur in Kellern gelagerte Kulturgüter gefährdet, sondern Überschwemmungen im Keller gefährden technische Versorgungsanlagen wie Elektrik, Heizung und Telekommunikation. Damit ist auch ein Risiko für Kulturgüter in nicht direkt von Hochwasser betroffenen Bereichen des Gebäudes verbunden. Selbst statisch relevante Schäden, die im Maximalfall die Stabilität des Gebäudes gefährden können, sind nicht auszuschließen.
In den letzten Jahren ist in Europa ein verstärktes Auftreten von Hochwasserereignissen, oft ausgelöst durch ungewöhnliche Wetterlagen mit Starkregen (Vb-Wetterlagen, vom Mittelmeer kommendes Tiefdruckgebiet) zu verzeichnen (Oder-Flut 1997, Hochwasser der Elbe und ihrer Zuflüsse 2002, Frankreich Rhône / Provence 2003). Aber auch an die verheerenden Schäden in Florenz durch das Hochwasser des Arno im Jahr 1966 sei erinnert. Weltweit sind Überschwemmungen vor allem aus asiatischen Ländern bekannt (Bangladesh, Indien, China).

Am häufigsten ist die Überflutung von Gebäuden durch das Anschwellen großer Flüsse (Oder, Elbe, Rhein, Arno, Rhône), meist verursacht durch Starkregen oder Schneeschmelze. So sind Frühjahrshochwasser im Zusammenhang mit der Schneeschmelze bei schnell steigenden Temperaturen regelmäßig zu erwarten. Vorteil des Anschwellens großer Flüsse ist die oft große Vorwarnzeit und die Berechenbarkeit von zu erwartenden Pegelständen. Es handelt sich also um Schadensereignisse mit Vorwarnzeit. Diese Vorwarnzeit kann zur Einleitung von Schutzmaßnahmen genutzt werden (Dämme, Schotts, Evakuierungen). Es kommt zu Schadensereignissen durch Oberflächenwasser (Überflutung mit Wasser auf der Erdoberfläche), rückstauendes Abwasser aus der Kanalisation und aufsteigendes Grundwasser.
Aber auch kleinere Flüsse können zu einer Bedrohung werden, wenn diese durch zu große Wassermengen über die Ufer treten. Besonders kleinere Flüsse in Gebirgsnähe können durch den Abfluss von Regenwasser aus Gebirgen in Richtung größerer Flüsse oder Seen sehr schnell eine Bedrohung darstellen. Ein solches Ereignis hat in Sachsen 2002 innerhalb kurzer Zeit zu gravierenden Überschwemmungen geführt. Problematisch kann die fehlende Vorwarnzeit sein, wenn die Wassermengen schnell wachsen und durch ein natürliches Gefälle zusätzlich hohe Fließgeschwindigkeiten erreicht werden. Es bleibt kaum noch Zeit für eine Alarmierung von Personen (zum Beispiel durch Sirenen), oder für Schutzmaßnahmen an Gebäuden oder Sachwerten. Diese Art von Bedrohung ist nicht so häufig und damit in der öffentlichen Wahrnehmung nicht so bekannt. So liegen gebäudetechnische Planungen mit Berücksichtigung eines 100-jährigen Hochwassers großer Flüsse oft vor, nicht jedoch Konzepte für das „Wasser durch die Hintertür“ (vergleiche Schäden Dresden am 12.08.2002). Bedrohungen sind wiederum Oberflächenwasser, rückstauendes Kanalwasser und aufsteigendes Grundwasser.
Aber auch Gebäude in Senken können bei Starkregen überflutet werden. Allerdings wird dies oft bei der Errichtung der Gebäude und eventuellen Nutzungen berücksichtigt.

Weltweit nehmen Museen, Archive und Bibliotheken das Schadensereignis Hochwasser zunehmend als ernste Bedrohung wahr. So enthalten die anerkannten Standard Facilities Reports aus den USA und Europa Fragen zu Hochwasserthemen, um im Vorfeld die Sicherheit von Leihgaben oder Wanderausstellungen zu klären. Aber auch die Kunstversicherer prüfen vor dem Angebot einer Police denkbare Gefährdungen durch Hochwasserereignisse.
Mit einer Vorwarnzeit ist es möglich, ausgewählte Maßnahmen zum Schutz vor den Gefährdungen durch Hochwasser zu ergreifen. Dies dient nicht nur dem Kulturgutschutz (sofern das Kulturgut direkt in Bereichen mit Überflutungsgefahr lagert), sondern auch der Aufrechterhaltung des technischen Gebäudebetriebes und der Reduzierung von baulichen Schäden.
Diese Maßnahmen sollten in einem Hochwassermanagementplan zusammengefasst und zu leicht nachvollziehbaren Abläufen aufbereitet werden. Dabei werden zwei Fragen behandelt: Woher bekomme ich eine Information über zu erwartende Wasserstände? Und: Welche konkreten Gefährdungen und Handlungen resultieren aus diesen Prognosen für mein Gebäude? Durch dieses Vor-Denken von gefährlichen Situationen wird die Handlungsfähigkeit im Ernstfall erhöht, da das Handeln nach einem Leitfaden in dem mit Stress, Hektik und Adrenalin verbundenen Ernstfall weniger Entscheidungsprozesse und die Abstimmung derselben bedeutet. Sinnvollerweise enthält der Hochwassermanagementplan auch eine Liste mit Kontakten von hilfeleistenden Stellen (Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Speditionen, Lagerhäuser, befreundete Institutionen).
Wichtige Partner in der Beantwortung von Fragen zu einer möglichen Bedrohung von Kulturgut sind Wasser- oder Umweltbehörden, falls vorhanden bereits installierte zentrale Hochwasserlagezentren, die Bauaufsichtsbehörden und die örtliche Feuerwehr.
Einrichtungen mit ähnlichen Bedrohungsszenarien, wie Museen, Archive und Bibliotheken, sollten einen Notfallverbund gründen. Diese Notfallverbünde können dann im Schadensfall zusammenwirken und damit Ressourcen und Kompetenz bündeln. Aber auch der Wissensaustausch ist ein wichtiger Vorteil dieser Notfallverbünde („Das Rad nicht immer neu erfinden“).


II. Schutzmaßnahmen

Allgemeine Hinweise
Im Sinne einer Risikoanalyse sollte geprüft werden, ob eine Gefährdung des speziellen Gebäudes durch Hochwasser gegeben ist. Wenn ja, sollten keinerlei Kulturgüter in eventuell betroffenen Bereichen gelagert werden (Ausstellungen, Depots, Verpackungsräume, Werkstätten). Ein spezielles Konzept für baulich-technische und organisatorische Maßnahmen zur Vermeidung oder Eingrenzung von Gefahren sollte erstellt werden. Handlungen zur Umsetzung dieser baulich-technischen und organisatorischen Regelungen sollten in einem Hochwassermanagementplan zusammengefasst werden.

Schutz vor Oberflächenwasser
Bei über die Ufer tretenden Flüssen ist das Oberflächenwasser die geläufigste Bedrohung für Gebäude und Sachwerte. In Abhängigkeit von einer Vorwarnzeit ist es möglich, die eigene Liegenschaft mittels Dämmen aus Sandsäcken oder schnell zu installierenden mobilen Schotts zu schützen. Die Kosten für mobile Verbausysteme (oft Aluminium) sind überschaubar. Ein regelmäßiges Training der Montage und eine Wartung der Dichtungen darf nicht vernachlässigt werden. Das Gebäude sollte im Vorfeld von Ereignissen auf die Dichtheit von Gebäudeöffnungen wie Rohrdurchführungen von Energieversorgern und Telekommunikationseinrichtungen geprüft werden. Auch Türen und Fenster können mit einem hohen Widerstand gegen von außen eindringendes Wasser ausgestattet werden.
Viele gefährdete Kommunen und Städte halten Verbausysteme vor, die im Bedarfsfall installiert werden (Köln, Dresden, Prag). Eine Abstimmung mit der Kommune über Art und Zeitpunkt des Einsatzes dieser Schutzmaßnahmen ist zu empfehlen.
Die Länder sind zuständig für Talsperren und Rückhaltebecken. Diese sind insbesondere für kleinere Flüsse entscheidende Schutzeinrichtungen. Zunehmend ist dabei allerdings der Interessenkonflikt zwischen Schutzfunktion der Einrichtung im Sinne eines abgesenkten Wasserstandes und der touristischen Nutzung der Anlagen zu bemerken. Eine Abstimmung mit der Landestalsperrenverwaltung und der Wasserbehörde über Betrieb und Pegelstände der Rückhalteeinrichtungen ist sinnvoll.

Schutz vor rückstauendem Kanalwasser
Bei großen Mengen von Oberflächenwasser und in Abhängigkeit von der Lage des Gebäudes besteht die Gefahr des Rückstaus von Abwasser aus der Kanalisation. Dies führte während der Flut 2002 zu den ersten Wassereintritten in den Depots der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Als Schutz ist lediglich eine Absperrung des Kanalsystems mit allen Konsequenzen denkbar. Dazu müssen im Bereich der Einbindung des hauseigenen Abwassersystems in den Sammler Rückschlagklappen oder Absperrelemente eingebaut werden, die im Gefahrenfall einen Rückstau des Kanalwassers verhindern. Es ist sinnvoll, diese Absperreinrichtungen doppelt auszuführen, da die Funktion der Elemente durch Verunreinigungen oder mechanische Blockierungen (Steine) gefährdet sein kann. Zu beachten ist, dass mit einem Verschluss des Abwassersystems sofort gravierende technische Probleme im Gebäude auftreten. So ist eine Funktion der WC-Anlagen nicht mehr gegeben. Diese müssen sofort gesperrt werden und durch mobile WC-Systeme ersetzt werden. Auch Klimaanlagen mit Befeuchtungssektionen (Sprühkammer, Dampfbefeuchter) müssen sofort außer Betrieb genommen werden, da diese Anlagen in das Abwassersystem einspeisen.
Bei Regen ist darauf zu achten, dass Dachrinnen überlaufen können. Dies führt zu einem Ablaufen des Wassers an den Fassaden und eventuell zu einem Austritt des Regenwassers aus den Regenrohren. Wenn diese im Gebäude verlegt sind, kann es durch Undichtigkeiten der Regenrohre zu Gebäudeschäden kommen. Deshalb sollten diese Regenrohre dann nicht nur gesteckt, sondern mit Blick auf die zu erwartende Wassersäule druckdicht ausgelegt werden.

Schutz vor aufsteigendem Grundwasser
Im Zusammenhang mit Starkregen und Oberflächenwasser, aber auch bei einem hohen Pegel von großen Flüssen sind steigende Werte des Grundwasserstandes zu erwarten. Dies kann zu unterschiedlichen Bedrohungen führen. Es gibt Gebäude, die mit einer „weißen Wanne“ ausgestattet sind. Dabei wird die Bodenplatte des Gebäudes wasserdicht ausgeführt, um ein Eindringen von aufsteigendem Grundwasser zu vermeiden. Es bildet sich jedoch ein starker Druck des Grundwassers gegen diese dichte Bodenplatte, der eine statische Bedrohung bedeuten kann (Bersten oder Anheben der Bodenplatte). Im Vorfeld sollte deshalb bei Gebäuden mit weißer Wanne eine Kenntnis über kritische Grundwasserwerte vorliegen. Diese Werte sind von Architekten wie von Statikern zu erhalten. Gegebenenfalls kann auch die örtliche Bauaufsichtsbehörde Auskunft geben. Hilfe im Bedrohungsfall kann das Senken des Grundwasserpegels durch Hochwasserentlastungsbrunnen bringen. So sind im Dresdner Stadtzentrum 15 Hochwasserentlastungsbrunnen installiert, die für einen lokalen Trichter des Grundwassers sorgen und die Bedrohung für einige der kulturhistorisch wertvollen Gebäude senken. Voraussetzung für den Betrieb der Brunnen ist eine Abstimmung mit der Wasserbehörde und die sichere Verfügbarkeit von Elektrizität.
Aber auch eine definierte Auflast auf die gefährdete Bodenplatte durch Sandsäcke, durch andere schwere Materialien oder sogar sauberes Wasser kann Gebäudeschäden verhindern.
Bei Gebäuden ohne „weiße Wanne“ ist ein Einsickern des Grundwassers in die Bodenplatte oder in den unteren Teil der Wände nicht auszuschließen. Die Wassermengen sind jedoch durch den hohen Widerstand der Gebäudehülle meist begrenzt und können lokal abgeführt werden. In diesem Fall ist die Planung von Pumpensümpfen (siehe unten) oder Kanalsystemen zur Aufnahme des Sickerwassers sinnvoll, um eine Entfernung des Wassers aus dem Gebäude zu vereinfachen.

Netzersatzanlagen und Anlagen zur Beseitigung von Wasser aus dem Gebäude
Ein Konzept zur Beseitigung von Wasser aus dem Gebäude ist in jedem Fall sinnvoll. Nicht nur durch Leckagen von Schutzmaßnahmen bei Hochwasser, sondern auch durch Havarien an technischen Anlagen kann es zu einem Eindringen von Wasser vor allem in Kellerbereiche kommen. Eine Planung von Pumpensümpfen oder eines Kanalsystems vereinfacht die Entfernung von eventuell eingetretenem Wasser, da die Pumpensysteme oft eine wirksame Wasserhöhe von 2 cm benötigen. Ein Pumpensumpf ist eine Vertiefung (eine kleine Grube, ein Loch) gewöhnlich in einer Ecke des Kellers, in der dann die Pumpe das Wasser aufnehmen kann. Sinnvoll ist ein vorheriges Konzept zur Verlegung von Schläuchen und Elektroanschlüssen für die Standorte der Pumpen. Auch die Planung einer definierten Gebäudeöffnung für Verlegung der Schläuche zur Abfuhr des Wassers ist sinnvoll (Kellerfenster, Tür). Dabei ist natürlich der Schutz gegen eventuelles Oberflächenwasser zu beachten. Die Pumpen, die Schläuche und die Elektrokabel sollten im Vorfeld geplant und ggf. beschafft und nummeriert werden. Dies vereinfacht die Reaktion im Bedarfsfall. Zu beachten ist die sichere Verfügbarkeit von Elektrizität, da in einem Schadensfall sowohl die eigene Elektroanlage als auch die Versorgung des Energieversorgers gestört sein kann. Es empfiehlt sich, eine unabhängige Netzersatzanlage (Notstromanlage) vorzuhalten, die im Notfall die Versorgung der Pumpen sichern kann.

   Michael John 

 

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